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Oberstufentheater spielt Elias Canetti

Elias Canettis "Komödie der Eitelkeit” - ein 1964 erschienenes Drama, das die eitelkeitsfeindliche Gesetzeslage in einer fiktionalen Gesellschaft und eine daraus resultierende Massenhysterie zum Thema hat, scheint auch über ein halbes Jahrhundert später seinen auf die Realität beziehbaren Sinn nicht verloren zu haben- denn wann wäre die tragisch-ironische Kritik an der allgemein gesellschaftlichen Selbstbesessenheit angebrachter als zu Zeiten von Photoshop, Selfie-Sticks und Inszenierung der eigenen Person auf Instagram und Co.?
Dass dieser Grundgedanke bei der Aufführung des Dramas durch das Oberstufentheater unter der Leitung von OStRin Patrizia Gillner und OStR Günther Zillner irgendwie auch seine Rolle auf der Bühne gespielt hat, wurde besonders durch den Inszenierungsstil zu Beginn des Stückes klar - die erste Szene wird mit einer smartphone-besessenen und spiegelsüchtigen Teenagerin eröffnet, die in wortlose Apathie zu verfallen scheint, als ihr Handyakku den Geist aufgibt. Zwischen dieser Szene und der eigentlichen Handlung liegt dann zudem eine scheinbar spiegellose Schminkeinlage der weiblichen Schauspielfront, die zum Ende hin in eine unkontrollierte, das Publikum mit einbeziehende Selfie-Session ausartet.
Dieses für das Publikum live verfolgbare Eitelkeitsgelage markiert den Startpunkt einer Reihe von Ereignissen, die ganz gemäß dem Domino-Effekt nicht mehr aufzuhalten sind. Der erste Dominostein: Das Begehren eines sich neu etablierenden Regimes, die Ich-Bezogenheit und den Schönheitswahn zu stoppen. Die Maßnahmen, um diesen Wunsch zu erfüllen: Das Verbot jeglicher Mittel der Menschen, sich ein Bild von sich selbst zu machen. Der Besitz von Spiegeln und Fotos und sogar das Putzen von Fenstern steht plötzlich unter hoher Strafe, was im Volk immer mehr den Glauben erweckt, sich selbst anzusehen, bedeute Eitelkeit, und Eitelkeit sei das Werk des puren Bösen. Die daraus erwachende gesellschaftliche Fanatik wird im Rahmen eines riesigen Fests gefeiert, bei dem die Menschen mit Verachtung Fotos im großen Feuer verbrennen und Spiegel spielerisch mit Bällen zertrümmern, während nebenbei ein Geistlicher das Treiben durch sein Predigen bestärkt.
Die neue Art von Unterdrückung, die zu Beginn noch bejubelt wird, bringt nicht nur den Wandel in den Köpfen der Menschen, sondern auch in den Kreisen, von denen diese Teil sind - ca. zehn Jahre später herrscht eine verdrehte Hierarchie; es wird wie eine Todsünde behandelt, sich selbst gesehen zu haben, und ganz allgemein erscheint das Thema wie ein striktes Tabu. Was nicht bedeutet, dass das Streben der Menschen nach dem Selbstbildnis vollkommen ausgemerzt werden konnte. Denn die verbotene Mangelware - Spiegelscherben- hat ihren Platz auf einem verpöhnten Schwarzmarkt gefunden.
Und was von den vermeintlichen Befürwortern der Gesetzeslage betuschelt und belästert wird, wird dann doch wieder außergewöhnlich schnell Mittelpunkt des gesellschaftlichen Bestrebens - Kinder spiegeln sich gegenseitig in des Anderen Pupillen, um nur einen kurzen Blick auf das eigene Antlitz zu erhaschen, und immer mehr Menschen begeben sich in die dunklen Tiefen des Geschäfts mit den Spiegelscherben, um zeitweise der Sehnsucht nach ihrem Gesicht zu entgehen- bis zu dem Punkt, an dem die tyrannische Repression der Eitelkeit den Gipfel ihrer Konsequenzen erreicht: Eine Art Seuche bricht aus; ein kollektives, einer Zombieapokalypse gleichendes Vermissen des Selbstbildes, das allgemein als ,,Spiegelkrankheit” betitelt wird und sein Ende darin findet, dass das System in sich kollabiert - weil es trotz aller anfänglichen Fanatik und Hetze gegen die Selbstbezogenheit doch zwangsläufig dazu kommt, dass jeder der eigenen Eitelkeit wie einem alten Freund in die Arme fällt - zur Endszene auf der Bühne stehend, das Foto vom eigenen Gesicht in der Hand haltend, um dann mit dem euphorisierten Ausruf "Ich bin schön!” von der Bühne zu springen und den Zuschauern die frohe Kunde zu überbringen - das brillierend-dramatische Finale eines Stücks mit dystopiehaftem Charakter, das sein fiktionales Grenzgebiet verlässt, um außerhalb dessen außerordentlich wirkungsvoll die Sucht nach dem eigenen Aussehen mit Tragik in den Mundwinkeln zu belächeln.
Alessandra Aue

Das Oberstufentheater spielte die "Komödie der Eitelkeit".

Dabei setzten sich die Schülerinnen und Schüler mit dem "Selfie-Wahn" auseinander.